17. Station: St. Pauli / Ehemaliges Israelitisches Krankenhaus
Ehemaliges Israelitisches Krankenhaus
Das ehemalige Israelitische Krankenhaus in der Simon-von-Utrecht-Straße 2 gehört zu den ältesten Baudenkmälern jüdischer Geschichte in Hamburg. Am 10. Juni 1841 wurde der Grundstein für dieses von dem Architekten Johann Hinrich Klees-Wülbern entworfene Gebäude gelegt, das 1843 den Krankenhausbetrieb aufnahm. Das Krankenhaus wurde auf dem Gelände eines alten Pesthofes errichtet, der in der Franzosenzeit aufgelöst wurde. Das von Salomon Heine* in Gedenken an seine Frau Betty (geb. Goldschmidt, die 1837 verstarb) gestiftete Krankenhaus repräsentiert ein selbstbewusstes Mäzenatentum. Das Krankenhaus wurde benötigt, da zu Beginn des 19. Jahrhunderts die „Dreiergemeinde“ (Hamburg, das dänische Altona und das preußische Wandsbek) nicht mehr bestand und die Krankenversorgung als konfessionelle Aufgabe in Hamburg eine eigene Einrichtung erforderte.
Das Krankenhaus verstand sich als „Institut zur Aufnahme, Verpflegung und Heilung Israelitischer Kranker jedweden Alters und Geschlechts“, behandelte aber Patienten jeder Konfession.
Das Israeltische Krankenhaus war medizinisch, hygienisch und technisch seiner Zeit weit voraus: ein Korridorkrankenhaus mit getrennten Stationen, modernem Operationssaal und Wasserspültoiletten. Es wurde koscher gekocht und es gab einen Betsaal, der heute als Betty-Heine-Saal von der liberalen Gemeinde genutzt wird.
Der wachsende Stadtteil St. Pauli prägte das Krankenhaus und seine Patient:innen: Hafenarbeiter, Menschen aus den „Vergnügungsbetrieben“, es war zugleich eine Insel jüdischer Identität und religiöser Praxis in einem vielfältigen Viertel.
Die Nationalsozialisten schlossen das Krankenhaus zunächst nicht, schränkten aber seine Tätigkeiten ein, indem z.B. nichtjüdische Menschen aufgefordert wurden, sich nicht mehr durch jüdische Ärzt:innen behandeln zu lassen. Zuvor waren 60 % der Patient:innen nicht jüdisch. Viele Ärzt:innen emigrierten, das Krankenhaus war einer der wenigen Stellen, an denen jüdische Studierende noch ihr Pflichtjahr absolvieren konnten. Die jüdischen Ärzt:innen wurden aus allen Standesorganisationen ausgeschlossen. Mit der Pogromnacht im November 1938 wurde allen jüdischen Ärzt:innen die Approbation entzogen (sie durften sich nur noch „Jüdische Krankenbehandler“ nennen) und das Krankenhaus wurde zum letzten Zufluchtsort. Von den 44 Ärzt:innen des Krankenhauses, die deportiert wurden, überlebten vier.
Ende der 1920’er Jahre hatte das Krankenhaus für eine Erweiterung des Gebäudes einen Kredit aufgenommen, der nach 1933 durch die Einschränkungen nicht mehr zurückgezahlt werden konnte, so dass 1939 das Gebäude an die Stadt Hamburg abgetreten werden musste. Im Altbau konnte zunächst der Krankenhausbetrieb weitergeführt werden, mit dem Kriegsbeginn wurde hier ein Lazarett eingerichtet und der Krankenhausbetrieb wurde in die Frauenklinik von Adolf Calmann in der Johnsallee verlegt und später in das Siechenheim in der Schäferkampsallee 29, dort wurden im Sommer 1943 von der SS die Kranken vertrieben, um Ausgebombte unterzubringen.
1946 konnte durch das wenige verbliebene Personal der Klinikbetrieb in der Schäferkampsallee weitergeführt werden. Die Kuratoren des Israeltischen Krankenhauses errichteten mit Unterstützung der Freien und Hansestadt Hamburg einen Neubau im Orchideenstieg 14 in Alsterdorf. Das Israelitische Krankenhaus ist heute ein gemeinnütziges Krankenhaus der Grund- und Regelversorgung.
* Salomon Heine (1767 – 1844) Kaufmann, Bankier und Mäzen. Setzte sich für eine Gleichstellung der Juden ein, weil Juden keine Bürgerrechte hatten, sie konnten nicht die Hamburgische Staatsbürgerschaft erlangen und kein Eigentum erwerben.
