5. Station: „Beneckestraße“
Die historische Beneckestraße auf dem heutigen Uni-Campus
Postkarte (wahrscheinlich um 1900) der Beneckestraße aus der Perspektive des heutigen Allende Platzes: links ist der ehemalige Bornpark zu sehen und rechts die gründerzeitliche Bebauung
Die Beneckestraße und die Durchgänge zur Grindelallee sind aus dem Stadtgrundriss verschwunden, die Fröbelstraße ist erhalten geblieben. Der Ausbau der Universität hat den Abriss der noch vorhandenen Gebäude nötig gemacht (Arie Goral****). In den 1895 errichteten Gebäuden der Beneckestraße 2 bis 6, die ab 1928 der Deutsch-Israelitischen Gemeinde gehörten, befanden sich unter anderen die Beratungsstelle für jüdische Wirtschaftshilfe, die Verwaltung des jüdischen Religionsverbandes, die Bibliothek und Lesehalle der Gemeinde, verschiedene jüdische Jugendvereinigungen und das jüdische Alters- und Pflegeheim. Ab 1942 wurden die Gebäude auch als sog. Judenhäuser* bestimmt, die dann von der Gestapo als Ausgangspunkte für Deportationen genutzt wurden.
Wenn man vor dem Abaton Kino* (juedischefilmtage.hamburg) steht und in Richtung Universität schaut, dann war vor dem Krieg dort auf der rechten Seite eine gründerzeitliche Bebauung, die bis zur Schlüterstraße reichte zu sehen und auf der linken die Synagoge und der Born Park (Plugin Stadtplan).
Das Bild der chilenischen Künstlerin Cecilia Herero an der Wand der ehemaligen Hochschule für Wirtschaft und Politik (HWP), heute Fachbereich Sozialökonomie (Von Melle Park 9), zeigt Alltagsszenen, jüdischen Lebens im Grindelviertel, wie z.B. den Schlachter Simon Appel, den Mann mit dem Fahrrad vor seiner koscheren** Schlachterei in der Grindelallee 38 und ein Straßenschild der Beneckestraße. Das Bild, das 1985 entstand ist dort heute noch zu sehen.
Straßengrundrisse des Grindelviertel
Lade dir die Straßengrundrisse des Grindelviertel in den 1930er Jahren als PDF-Datei herunter.
Durchgang von der Beneckestraße zur neuen Dammtorsynagoge
Durchgang zwischen den Gebäuden Beneckestraße 4 und 6, der zur Neuen Dammtorsynagoge führte. Daneben ist der heute noch existierende „Pferdestall“, Allende-Platz 1, zu sehen.
*Das Reichsgesetz über die Mietverhältnisse mit Juden vom 30.4.1939 hob den Mieterschutz und die freie Wohnungswahl für Juden auf. Schon vor den Deportationen war der Jüdische Religionsverband, wie die Jüdische Gemeinde sich seit 1938 nennen musste, gezwungen, Wohnraum freizumachen. Der Religionsverband stellte Wohnraum in gemeindeeigenen Wohnstiften, Alters- und Pflegeheimen zur Verfügung. Die Häuser mussten mit einem Judenstern aus Papier an der Tür gekennzeichnet werden und wurden dann als „Judenhäuser“ bezeichnet.
**Als Koscher sind alle Lebensmittel und Speisen bezeichnet, die nach dem jüdischen Gesetz rein sind. Als koscher gelten alle Tiere, die gespaltene Hufe haben und Wiederkäuer sind. Um koscher zu sein, müssen sie außerdem geschächtet werden. Koscher sind alle Fische, die Flossen und Schuppen haben. Eine andere Regel sagt, dass Milch und Fleisch nicht zusammen zubereitet und gegessen werden sollen.
***Im Abaton Kino werden seit 2021 Filme im Rahmen der Jüdischen Filmtage gezeigt.
****„Beneckestraße und Bornplatz gehörten einst zum Zentrum des jüdischen Lebens Hamburgs. Ein Bauplatz neben dem anderen. Ich gehe die Rentzelstraße hinauf bis zur Bundesstraße. An der Ecke steht noch das Haus Nr. 35. Es ist das ehemalige Samuel-Levy-Stift, die letzte Station vieler alter Juden und Jüdinnen vor der Deportation, Anfang der vierziger Jahre, Von diesem Haus aus ging auch Mutter auf die Reise ohne Wiederkehr.
Heute im Jahr 1988 , dem Jahr der fünfzigjährigen Wiederkehr der Judenpogrome im November 1938, existieren Beneckestraße, Bornplatz und auch das Samuel-Levy-Stift nicht einmal mehr den Namen nach. Die Beneckestraße, die parallel zur Grindelallee zwischen ihr und der Schlüterstraße verlief, wurde weggeplant und mit dem neuen Universitätsgelände bebaut. Das Universitätsgelände rund um den Von-Melle-Park und den Allende-Platz, dem früheren Bornplatz mit der Hauptsynagoge, befindet sich zum großen Teil auf früheren jüdischem Kulturboden. Eine bedenkenswerte Pointe der Stadt-, Bezirks- und Universitätsgeschichte, nachdem Studenten schon lange vor 1933 eine nicht geringe Rolle bei der Bedrohung und Verfolgung der Juden, insbesondere der jüdischen Professoren und der Juden des Grindels spielten, später dann die Hauptinitiatoren der Bücherverbrennungen am Kaiser-Friedrich-Ufer waren.“
Quelle: Arie Goral-Sternheim: Heine, die Juden und die WELTBÜHNE einst im DURCHSCHNITT am GRINDEL, Hamburg 1988, S.18
„1953 ging ich das erste Mal wieder die Grindelallee entlang. Ich erinnere mich zuerst an das Café Timpe, dann an das Kino nebenan, die Kammer-Lichtspiele. An der Ecke war das frühere Wilhelm-Gymnasium. Jetzt ist es der Altbau der Universitätsbibliothek. In der Aula fanden Parteiversammlungen vor Wahlen, auch von jüdischen Parteien vor Gemeindewahlen, statt. Gegenüber in der Kellerkneipe „Schinkenburg“ residierte ein berüchtigter SA-Sturm, der den Grindel terrorisierte und auf Juden spätabends Jagd machte.“ Quelle: Arie Goral-Sternheim: Heine, die Juden und die WELTBÜHNE einst im DURCHSCHNITT am GRINDEL / Hamburg 1988, Seite16
