8. Station: Das Gebäude der ehemaligen Talmud-Tora-Realschule
Die Jüdische Gemeinde in Hamburg und
das Joseph-Carlebach-Bildungshaus
Jetzt stehen wir vor dem historischen Gebäude der ehemaligen Talmud-Tora Realschule.
Heute befindet sich hier die Verwaltung der Jüdische Gemeinde in Hamburg. Sie ist eine Körperschaft des öffentlichen Rechts und zählt mit knapp 2.300 Mitgliedern zu den größeren jüdischen Gemeinden in Deutschland.
Als Einheitsgemeinde beherbergt die Jüdische Gemeinde in Hamburg zwei religiöse Richtungen: die Orthodoxie und das liberale Judentum. In der Synagoge Hohe Weide wird nach orthodoxem Ritus gebetet, während in der Reformsynagoge im Betty-Heine-Saal Gottesdienste nach liberalem Ritus stattfinden.
Neben ihren religiösen Aufgaben übernimmt die Jüdische Gemeinde zahlreiche weitere Tätigkeitsfelder. Dazu gehört die soziale Betreuung der Mitglieder, die Senioren- und Jugendarbeit sowie vielfältige kulturelle Angebote. Mit dem Projekt des Wiederaufbaus der Bornplatzsynagoge setzt die JGHH ein wichtiges Zeichen. Infos hierzu in der vorherigen Station.
In dem Gebäude befindet sich auch das jüdische Bildungshaus.
„Von der Krippe bis zum Abitur“ lautet der Leitspruch. Hier befinden sich der jüdische Kindergarten mit Krippe, sowie eine jüdische Grund- und Stadtteilschule. Alle Institutionen stehen jüdischen und nicht-jüdischen Kindern offen.
Detailliertere Informationen zu den Aufgaben und Tätigkeiten der JGHH finden Sie auf der Homepage.
Die Talmud-Tora Schule wurde am 20.12.1911 eingeweiht. Erbaut von dem Architekten der Bornplatzsynagoge Ernst Friedheim. Die Baukosten, die sich auch 525.000 Mark beliefen, wurden größtenteils durch Stiftungen der Gemeindemitglieder aufgebracht, 200.000 Mark stifteten Moritz M. Warburg und seine Söhne, deren Vorfahr, Samuel Elias Warburg 1805 Gründer und Vorstandmitglied der jüdischen Armenschule in der Neustadt war, auf die Talmud Tora Schule zurückgeht. Isaak Bernays (1792-1849), Rabbiner der askenasischen Gemeinde, reformierte den Lehrplan, der zunächst nur hebräisches Lesen und Schreiben sowie Arithmetik vorsah und fügte ihm auch Deutsch und andere Fächer einer allgemeinen Elementarschule hinzu. (Er wurde auf dem Grindelfriedhof beigesetzt und er ist Großvater von Martha Bernays, der Ehefrau Sigmund Feuds). Die Schule wurde 1870 als höhere Bürgerschule anerkannt, 1932 als Oberrealschule. Nach 1933 war es für Schüler jüdischer Herkunft die einzige Schule, an der sie das Abitur ablegen konnten (insgesamt 59 Schüler und 15 Schülerinnen).
Zum Zeitpunkt des Umzugs aus der Neustadt in den Grindel 1911 war Dr. Joseph Goldschmidt Direktor der Schule und 176 Vor- und 350 Realschüler besuchten hier die Schule. 1921 bis 1926 war Dr. Joseph Carlebach Direktor und nach ihm Arthur Spier. In der Pogromnacht wurden Lehrer und Schüler verhaftet, der Schulleiter Arthur Spier wurde in der Polizeiwache Sedanstraße misshandelt. Ein Teil dieser Verhafteten wurde wieder freigelassen – auch Arthur Spier. Der Schulbetrieb wurde wieder aufgenommen. Viele Lehrer und auch Familien der Schüler emigrierten. Die Schule durfte sich nun nicht mehr TTS nennen, sondern Volks- und Oberschule für Juden, im Dezember 1939 Volks- und höhere Schule für Juden und zuletzt „Jüdische Schule in Hamburg“. Mit der zunehmenden Entrechtung und Vertreibung aus allen öffentlichen Bereichen wuchs die Bedeutung der Schule, in der jetzt zusätzlich Fortbildungs- und Berufsschulunterricht am Nachmittag stattfand, Sport für Jugendliche und Erwachsene in der Sporthalle und auf dem Schulhof, nachdem die Benutzung von Sporthallen und Sportplätzen und Schwimmbädern für jüdische Menschen generell verboten war. Sprachkurse für Auswanderungswillige wurden hier angeboten. Es gab Lehrwerkstätten, in denen handwerkliches Können vermittelt wurde.
Nachdem der „Reichsstatthalter“ Karl Kaufmann beschlossen hatte, in diesem Gebäude die Hochschule für Lehrerfortbildung unterzubringen, musste die Schule umziehen in das Gebäude der Israelitischen Töchterschule in der Carolinenstraße 35. Das Gebäude wurde von der Stadt für 221.600 Mark gekauft, jedoch wurde der Kaufpreis nicht ausgezahlt, sondern für sogenannte Wohlfahrtslasten „verrechnet“.
Im März 1942 musste die Schule auch aus der Carolinenstraße ausziehen und war bis zu ihrer Schließung im Juni 1942 im Waisenhaus im Papendamm 3 untergebracht.
Neben der TTS für Jungen und der Israeltischen Töchterschule in der Karolinenstraße gab es in der Bieberstraße 4 eine private höhere Mädchenrealschule (für strenggläubige und begüterte Mädchen) sowie die nach ihrem Direktor benannte Loewenbergschule in der Johnsallee 33.
