9. Station: Die Hamburger Kammerspiele
Das ehemalige jüdische Logenhaus mit dem erhaltenen Logensaal
1903 wurde der Grundstein für das Logenhaus der Henry-Jones Loge gelegt, ein Um- und Erweiterungsbau des Pfennigschen Landhauses durch den Architekten Semmy Engel.
Die Loge geht zurück auf Heinrich Jonas, ein in die USA emigrierter Hamburger, der 1843 dort den BneiBriß* Orden – Söhne des Bundes – gegründet hat.
In dem Gebäude gab es Sitzungsräume, einen Festsaal, eine Kegelbahn und im Erdgeschoss Restaurationsräume, sowie Räume für verschiedene Einrichtungen und Vereine. Diese wurden zum Teil aufgrund der Initiative der Loge ins Leben gerufen. Folgende Einrichtungen waren im Logenhaus beheimatet: Das Gemeinschaftsheim, die Israelitische Haushaltungsschule zu Hamburg, die Gesellschaft für jüdische Volkskunde, der Israelitische humanitäre Frauenverein, der Verein für Arbeitsnachweis, der Jugendbund, der Verein für Geschichte und Literatur, die Lesehalle, das Büro der Hamburger Zionistischen Vereinigung e.V., die hebräische Sprachschule Ivria. Die später gegründete Steinthal Loge und die Nehemia-Nobel Loge waren auch im Haus vertreten. Im Keller wurde während des Ersten Weltkrieges eine Volksküche eingerichtet, in den 40er Jahren zog auch die Volksküche der Gemeinde hier ein.
In der Weltwirtschaftskrise musste das Gebäude an den „Bauverein Hamburger Anthroposophen“ verkauft werden, es wurde jedoch weiterhin für kulturelle Veranstaltungen genutzt.
1934 erwarb die „Jüdische Gemeinschaftshaus GmbH“, vom Jüdische Kulturbund und Privatpersonen gegründet, das Haus und baute es um. Es wurde ein großer Theatersaal nach Plänen von Dr. Block, Hochfeld und Hans Gerson errichtet. Die Einweihung fand am 9.1.1938 mit Shakespeares „Romeo und Julia“ statt.
Der jüdische Kulturbund** war das einzige Forum, in dem jüdische Künstler:innen und Kulturschaffende vor einem ausschließlich jüdischen Publikum auftreten durften. Die Programmgestaltung wurde vom Reichspropagandaministerium und örtlichen Behörden überwacht. Es waren immer Gestapobeamte anwesend. Verboten waren Aufführungen deutscher Klassik und Romantik sowie „linksgerichteter“ Autoren.
Am 11. September wurde der Kulturbund von der Geheimen Staatspolizei Aufgelöst. Ab Oktober 1941 wurden dieser Ort auch Sammelplatz für Deportationen, zunächst nach Riga, Lodz und Minsk, am 11. Juli 1942 nach Auschwitz.
Direkt nach dem Krieg hat unter der Intendanz von Ida Ehre hier die Kammerspiele wiedereröffnet, die sich vor dem Krieg am Besenbinderhof befanden. Das Gebäude befindet sich im Besitz der Freien und Hansestadt Hamburg, es ist derzeit in Erbpacht an Jürgen Hunke gegeben und durch Umbauten stark verändert.
*B’nai B’rith (U.O.B.B.), auf Deutsch: Söhne des Bundes ist ein unabhängiger, weltlicher jüdischer Orden, der 1843 von deutschen jüdischen Einwanderern in New York gegründet wurde. Der Orden organisiert sich in Logen.
**Der Jüdische Kulturbund wurde 1935 als Selbsthilfeorganisation gegründet, weil jüdische Künstler:innen im nationalsozialistischen Deutschland in „deutschen“ Kulturinstitutionen nicht mehr auftreten durften. Der Kulturbund wurde streng durch die Geheime Staatspolizei kontrolliert und zensiert und gleichzeitig die einzige Möglichkeit für jüdische Künstler:innen und jüdisches Publikum, Kultur zu erleben.
Ansicht aus den 90er Jahren
Innenraum des Logensaals
Von den Kammerspielen kann man einen Abstecher in die Oberstraße machen, um den ehemaligen Tempel anzuschauen (zur Rothenbaumchaussee gehen und nach link in Richtung Klosterstern und rechts in die Oberstraße einbiegen),
Oder man geht zum Arie-Goral Platz (Kreisverkehr) und läuft in der Rutschbahn zur Alten und Neuen Klaus.
Der Tempel in der Oberstraße
Tempelinnenraum
Grundriss Tempel
Der Tempel in der Oberstraße 116/120 ist Nachfolger des ersten Tempels im Alten Steinweg 42/Brunnenstraße und dem Neuen Israelitischen Tempel in der Poolstraße 11-14 (entworfen von Heinriche Klees-Wülbern). Der 1931 eingeweihte, von den Architekten Felix Ascher und Robert Friedmann (den Gewinnern des 1 und 3. Platzes des Architekturwettbewerbs) gebaute Tempel war das Zentrum der liberalen Hamburger Juden. Der Reformtempel wurde als privater Verein gegründet, blieb aber Teil der Gesamtgemeinde. Zu den Vorstandsmitgliedern gehörte Gabriel Riesser, Vorkämpfer für die Emanzipation der Juden und Reichstagsabgeordneter. Diese erste offizielle Reformsynagoge hatte eine Orgel, es gab eine deutsche Predigt und gemischten Chorgesang. Die Angleichung im Kultus wurde als Mittel zur Erlangung der rechtlichen und gesellschaftlichen Gleichstellung betrachtet.
Seit der Jahrhundertwende gab es Pläne für einen Neubau, da der Tempel in der Poolstraße seinen Aufgaben nicht mehr gerecht wurde und viele Bewohner der Neustadt inzwischen in Harvestehude und Rotherbaum wohnten. Durch den Krieg und die Inflation verzögerten sich die Neubaupläne. Ende der 20er Jahre fanden sich Finanzierung und Grundstück.
Der Grundstein wurde am 19. Oktober 1930 gelegt, dieser wurde mit einer Marmorplatte aus der Werkstatt des Bildhauers Eduard Berlin abgedeckt, auf der das Datum auch in Hebräisch mit dem jüdischen Datum versehen stand. Eingemeißelt waren die Worte des 126. Verses des 119. Psalms „Zeit ist’s, für Gott zu wirken“. Die Platte ist verschollen.
Am 30. August 1931 wurde der Tempel in der Oberstraße eingeweih: 1200 Personen hatten im Kultraum Platz, auf der Rückseite des Gebäudes gab es Räume für die Jugendarbeit, auf der rechten Seite einen Gemeindesaal für 250 Personen und links einen Raum für den wöchentlichen Gottesdienst und im Souterain eine Küche.
Im Oktober 1939 stand in einem Bericht der Geheimen Staatspolizei, dass das Gebäude leer stehen und äußerlich nicht beschädigt sei. Seit 1950 wird das Gebäude vom NDR als Tonstudio und Konzertsaal, dem Rolf-Liebermann-Studio genutzt. Das Fenster in der Fassade mit dem siebenarmigen Leuchter blieb erhalten. Die Inschrift über dem Eingang wurde erst später wieder freigelegt. Die Reliefs zu beiden Seiten des Haupteigangs gingen verloren.
